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Israels Kulturszene nach dem 7. Oktober: Kunst könnte auch heilen

Israels Kulturszene nach dem 7. Oktober: Kunst könnte auch heilen

https://www.falter.at/zeitung/20220810/die-lehren-aus-der-tragoedie-von-sandy-hooks/_dbc9246c60

Nach den Terroranschlägen der Hamas hat sich auch das künstlerische Leben in Israel komplett verändert. Theater und Museen sind geschlossen, und die Kunstschaffenden versuchen, Zeichen der Hoffnung für die Verwandten der Geiseln zu setzen.

Von Tessa Szyszkowitz

18.11.2023, 12:56 Uhr


Früher hat er den Strand abgelichtet. Oder Hunde. Auch mal Mädchen auf der Brücke. Seit dem 7. Oktober aber fotografiert Schachar Dekel Soldaten. Israelische Männer, die wie er als Reservisten eingezogen wurden. Er ist Fotograf und Filmemacher. Er sollte in Tel Aviv sein, aber er sitzt mit anderen Männern, die auch bei ihrer Arbeit sein sollten, in einem Camp in der Wüste irgendwo in Israel

„Heute Nacht ist ein Freund aus dem Offizierskurs in Gaza getötet worden“, schreibt Dekel auf Instagram: „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.“

Kunst, die jetzt vorerst aus Sicherheitsgründen im Bunker verschwindet: Gustav Klimts Porträt von Friederike Maria Beer von  1916 aus dem Tel Aviv Museum of Art.

Kunst, die jetzt vorerst aus Sicherheitsgründen im Bunker verschwindet: Gustav Klimts Porträt von Friederike Maria Beer von 1916 aus dem Tel Aviv Museum of Art.

© REUTERS/Amir Cohen

Nichts ist in Israel mehr so wie vor dem 7. Oktober. Die gesamte Kunstszene steht im Bann des Attentats und des Krieges, den die israelische Regierung gegen die Hamas in Gaza führt. Unter den 350.000 Soldaten, die einberufen wurden, sind auch viele Kunstschaffende. Das künstlerische Leben ist auch deshalb erst einmal praktisch zum Stillstand gekommen.

Die Jerusalem Biennale wurde abgesagt

„Am Abend des 7. Oktober schrieb ich noch an alle Künstler in Israel und im Ausland eine E-Mail, dass wir erst einmal abwarten“, sagt Rami Ozeri. Für den Gründer und Direktor der Jerusalemer Biennale stand viel auf dem Spiel. Eineinhalb Jahre lang hatte er die Biennale 2023 vorbereitet. Unter dem Titel „Iron Flock“ sollte sie am 9. November sie in Jerusalem eröffnet werden.

„Die eiserne Herde“ ist ein vielschichtiger Titel. Im modernen Hebräisch wird der Begriff als „wichtiger Besitz“ verwendet, wenn etwas von zentraler Bedeutung beschrieben werden soll. In den alten religiösen Texten, der Mischna, also der Niederschrift der mündlichen Thora, kommt die „eiserne Herde“ im Kontext des Vorvertrags zur Ehe vor. Es beschreibt, was eine Frau in die Ehe mitbringt, eine Art Mitgift. Etwa ihre eigenen Sklaven. Der Besitz bleibt ihr, auch im Falle der Trennung. „Wir mochten diesen Titel, er bringt eine feministische Interpretation mit sich und die Spannung zwischen den beiden Bedeutungen, der alten und der neuen, soll kreative Funken erzeugen“, sagt Ozeri.

Der Titel der Kunstschau wirkt nach dem 7. Oktober noch aktueller. Doch den Veranstaltern wurde bald klar, dass der Angriff der Hamas der schlimmste seit Jahrzehnten war. Das Pogrom selbst und der darauffolgende Krieg erlaubten einfach kein Großereignis künstlerischer Art – weder von der Sicherheit her noch inhaltlich war das vertretbar, sagt Ozeri: „Wir konnten jetzt keine Einladungen zu einer Kunstausstellung ausschicken.“ Er verschob schweren Herzens auf den 11. März.

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© 2018 Tessa Szyszkowitz